Gute Unternehmer/innen sind „selbst und ständig“​. Echt jetzt?

NextGen Selbständigkeit und Nachfolge

Unternehmer-Eltern nutzen die Ansage „selbst und ständig“ gern in der Nachfolge Diskussion mit ihren Kindern aka Nachfolger/innen als ultimative Weisheit, fast Drohung. Das ist überhaupt nicht zweckmässig für den Nachfolgeprozess und muss unbedingt von beiden Seiten hinterfragt werden.

Im Coaching mit Nachfolgerinnen erlebe ich es immer wieder:
Sobald es im Nachfolgeprozess Kontroversen gibt, oder Rollen und Aufgaben hinterfragt werden, wird die Drohung „Selbstständig bedeutet eben selbst und ständig“ auf den Tisch gehauen wie ein Grand beim Skat. Nicht zu diskutieren, nicht zu hinterfragen – das ultimative Argument. Bei den Nachfolgern, besonders bei den Nachfolgerinnen, die sich meist schon Gedanken um das Thema Kinder machen, löst das große Verunsicherung aus und natürlich fühlen sie sich kritisiert und den Ansprüchen nicht genügend.

Die Drohung „selbständig heisst selbst und ständig“ wird auf den Tisch gehauen, wie ein Grand beim Skat. Das ultimative Argument.

Ich frage mich seit geraumer Zeit, was die Übergebenden damit bezwecken, denn dem Nachfolgeprozess dient es nicht. Hier sind also meine Überlegungen dazu.

  1. Ist es, um der NextGen mal so richtig deutlich zu machen, wie sehr sie sich selbst im Unternehmen engagiert haben und um zu zeigen, dass sie diejenigen sind, die am Engagiertesten und Fleissigsten, am Tapfersten und Hartnäckigsten sind? Die allein und ritterlich mit einem einsam erleuchteten Fenster im Firmengebäude bis spät in die Nacht für das Unternehmen geschuftet haben? Das wäre schlimm, denn die Kinder sollten von sich aus sehen, (oder seit frühester Kindheit erfahren), dass ihre Eltern als Unternehmer einen guten Job gemacht haben und die Eltern sollten es nicht nötig haben, dieses Engagement immer wieder vor sich her zu tragen, wie eine Narbe aus einem längst vergangenen Boxkampf. Ist der Wunsch nach Anerkennung der Hintergrund für die Aussage, hilft ein Austausch zum gegenseitigen Respekt für die unternehmerische Leistung, der oft von den Kindern empfunden, aber selten ausgesprochen wird..

  2. Ist es als Drohung, oder Warnung gemeint? Weil ein Leben als Unternehmer/in eben Verzicht bedeutet, also als Selbständiger kein normales Leben möglich ist? Herzlichen Glückwunsch, denn im Umkehrschluss sollten die Nachfolger/innen die Beine in die Hand nehmen und rennen. Eine Entscheidung zur Übernahme wird ihnen mit der Wiederholung des Satzes bestimmt nicht erleichtert.
    Im Jahr 2021 sind andere Lebensmodelle, die eine Kombination aus Unternehmen und Familie ermöglichen, durchaus denk- und umsetzbar. Kein Grund, deshalb die Nachfolge in den Sand zu setzen. Dazu muss aber die eigene Lebensblaupause dem Nachfolger/der Nachfolgerin von den Eltern als eine Option und nicht als ultima ratio präsentiert werden. Das schreckt nämlich ganz schön ab und ist oft Thema im Nachfolgecoaching, weil diese Blaupause dann als einzige Möglichkeit im Kopf verankert ist, das Unternehmen gut zu führen und die Kinder oft erlebt haben, dass es nicht unbedingt glückliche Lebensverläufe (Scheidung, keine Zeit für das Heranwachsen der Kindern, keine Hobbys, kaum vorhandener Freundeskreis, körperliche Symptome) waren, die sie ungern wiederholen möchten.

  3. Ist es eine – nur wenig verborgene – Kritik der Eltern, weil die Kinder sich aus ihrer Sicht nicht genug engagieren und das wiederum eine praktische Ausrede ist, um sich um den Nachfolgeprozess zu drücken und die eigene Position beizubehalten? („Ich sage es ja immer wieder, aber das notwendige Engagement bei meinem Sohn/meiner Tochter ist einfach nicht sichtbar“) Das wäre unfair und kostet Zeit und Energie auf Seiten der Nachfolger/innen, die in dieser Situation wenig Chance auf einen Wechsel hätten und sich zusätzlich den Vorwurf des Minderengagements als Mittel zum Zweck anhören müssten.

Das mantra-artige Wiederholen dieses Satzes ist völlig sinnlos für den Nachfolgeprozess.

Hier kommt meine Einschätzung, warum das mantra-artige Wiederholen dieses Satzes völlig sinnlos für den Nachfolgeprozess ist und deshalb gegen etwas Wirksameres ausgetauscht werden sollte:

Nachfolger/innen brauchen eine intrinsische Motivation, um das Unternehmen zu führen. Sie brauchen Interesse und Leidenschaft, Verantwortung, Gestaltungswillen, ein hohes Freiheitsbedürfnis, ein gutes Selbstverständnis und auch Selbstverantwortung, den Wunsch nach Erfolg, Durchhaltevermögen, Resilienz, Vergangenheitsbewusstsein und Zukunftsorientierung. All diese Eigenschaften entstehen nicht, weil man ihnen mit den Mühen der Selbständigkeit droht – sie sind vorhanden, oder eben nicht.

Gute Nachfolger/innen werden sich an der richtigen Stelle und zum richtigen Zeitpunkt „reinhängen“ und sich engagieren – weil sie sehen, dass es notwendig ist, weil es ihnen Freude bereitet und weil sie es von sich aus möchten. Das wird sicher nicht passieren, weil ihnen immer wieder gesagt wurde, dass selbstständig eben selbst- und ständig bedeutet. Das wird aber vielleicht eher passieren, wenn ihnen auch die schönen Seiten des Unternehmertums beschrieben werden.

Gute Nachfolger/innen werden sich an der richtigen Stelle und zum richtigen Zeitpunkt reinhängen. Aus intrinsischer Motivation.

Warum sind diese schönen Inhalte und Chancen nicht viel öfter Teil der Botschaft von Übergebendem zu Übernehmendem? Ich höre jedenfalls äußerst selten, das Nachfolger/innen diese Inhalte von den Vorgängern vermittelt bekommen. Dass „Unternehmer sein“ „Gestalter sein“ bedeutet. Dass „Unternehmer sein“ große Freiheit bedeutet, dass „Unternehmer sein“ Unabhängigkeit bedeutet – inhaltlich und finanziell.

Mein Appell an beide Seiten: hinterfragt die Aussage „selbst und ständig“, sagt sie nicht einfach und lasst sie nicht einfach stehen.

Mein Appell an beide Seiten im Nachfolgeprozess ist deshalb: hinterfragt, warum dieser Satz ins Feld geführt wird. An die Inhaber/innen: Warum sagt ihr diesen Satz und was bezweckt ihr damit? Gibt es keine andere, positivere Botschaft, die Euer Ziel – einen erfolgreichen Nachfolgeprozess und eine gute Übergabe – besser unterstützt?
An die Nachfolger/innen: Sprecht darüber, was der Satz bei Euch auslöst. Hinterfragt ihn und denkt über Eure eigene Definition von Unternehmertum und Euern Antrieb zur Übernahme nach. Entwickelt ein Lebensmodell, was alle Eure Ziele einschliesst und setzt es dann um.

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Anna Lisa Selter

Anna Lisa Selter

Nachfolgespezialistin mit Mittelstandsgenen, guten Ideen und 13 Jahren handfester Erfahrung in großen und kleinen Unternehmen und in Nachfolgeposition als GF Mitglied in einem Metall- und Kunststoff verarbeitenden Familienunternehmen mitten im schönen Sauerland.
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